Behandlung beginnt mit Stabilisierung
Die Behandlung von ME/CFS orientiert sich derzeit an zwei wesentlichen Säulen: Pacing und symptomorientierter Therapie. Ebenso wichtig ist, bestehende Begleiterkrankungen so zu behandeln, dass PEM und die individuelle Belastungsgrenze berücksichtigt werden.
Symptome gezielt behandeln
ME/CFS betrifft mehrere Körpersysteme. Welche Beschwerden im Vordergrund stehen, kann sich von Mensch zu Mensch deutlich unterscheiden. Deshalb braucht es keinen starren Standardplan, sondern eine Behandlung, die an Symptome, Schweregrad und Verträglichkeit angepasst wird.
Kreislauf und orthostatische Intoleranz
Schwindel, Herzrasen, Benommenheit oder eine Verschlechterung beim Sitzen und Stehen können auf eine orthostatische Intoleranz hinweisen; bei ME/CFS tritt unter anderem PoTS auf. Eine gezielte Abklärung ist sinnvoll. Je nach Befund kommen ärztlich abgestimmte medikamentöse und nichtmedikamentöse Maßnahmen infrage.
Schlaf
Nicht erholsamer oder gestörter Schlaf gehört häufig zum Krankheitsbild. Schlafprobleme sollten trotzdem nicht automatisch ME/CFS zugeschrieben werden: behandelbare zusätzliche Schlafstörungen können parallel bestehen und gehören entsprechend abgeklärt.
Schmerzen
Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen können erheblich belasten. Auch hier gilt: Schmerzen sollten medizinisch eingeordnet werden, bevor sie ausschließlich ME/CFS zugeschrieben werden. Begleiterkrankungen können eigene Behandlungsmöglichkeiten haben.
Konzentration, Reize und kognitive Belastung
„Brain Fog“, Konzentrationsprobleme und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder anderen Reizen können den Alltag stark einschränken. Symptommanagement bedeutet hier oft auch, die Umgebung und Anforderungen anzupassen und kognitive Belastung in das Pacing einzubeziehen.
Weitere Beschwerden und Begleiterkrankungen
Verdauungsprobleme, Unverträglichkeiten, autonome Beschwerden und weitere Erkrankungen können zusätzlich auftreten. Sie sollten individuell abgeklärt und behandelt werden. Gerade bei komplexen Verläufen kann eine fachübergreifende Zusammenarbeit sinnvoll sein.
Medikamente & Nahrungsergänzungsmittel
Medikamente
Medikamente werden bei ME/CFS vor allem zur Behandlung einzelner Symptome und Begleiterkrankungen eingesetzt. Ein Teil der medikamentösen Therapie erfolgt derzeit off-label. Auswahl, Dosierung, mögliche Wechselwirkungen und Gegenanzeigen gehören deshalb in ärztliche Hände.
Wenn Betroffene Medikamente ungewöhnlich schlecht vertragen oder bereits viele Präparate einnehmen, sollte das im Arztgespräch ausdrücklich angesprochen werden. Veränderungen der Medikation sollten nicht eigenständig vorgenommen werden.
Nahrungsergänzungsmittel
Auch Vitamine, Mineralstoffe und andere Nahrungsergänzungsmittel werden bei ME/CFS häufig eingesetzt. Dabei sollte zwischen einer gezielten Substitution bei nachgewiesenem Mangel und Präparaten unterschieden werden, die als Behandlung von ME/CFS beworben werden.
„Frei verkäuflich“ bedeutet nicht automatisch wirksam oder risikofrei. Dosierung, Doppelzufuhr, mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten und individuelle Verträglichkeit sollten mitgedacht werden. Einzelne Präparate und ihre Evidenz werden wir auf IG SAFE später gesondert und quellenbasiert aufarbeiten.
Praktischer Hinweis
Off-label-Therapie & Kosten
Was bedeutet „Off-label“?
Für ME/CFS stehen derzeit keine ursächlich wirksamen, speziell für die Erkrankung zugelassenen Medikamente zur Verfügung. Die Behandlung ist daher überwiegend symptomorientiert und richtet sich auch nach Begleiterkrankungen. Verschiedene Wirkstoffe werden dabei teilweise off-label eingesetzt – also außerhalb ihrer behördlich zugelassenen Anwendung für ME/CFS.
Ein Off-label-Einsatz bedeutet nicht automatisch, dass ein Medikament ungeeignet ist. Nutzen, Risiken, Wechselwirkungen, Dosierung und individuelle Verträglichkeit müssen jedoch ärztlich sorgfältig abgewogen werden.
Wer übernimmt die Kosten?
Nahrungsergänzungsmittel sind in der Regel selbst zu bezahlen. Auch bei Off-label-Verordnungen kann die Kostenübernahme von den jeweiligen Voraussetzungen und der Krankenversicherung abhängen.
Deshalb sollte möglichst vor Beginn einer kostenintensiveren Behandlung geklärt werden, ob eine Kostenübernahme möglich ist oder ein Antrag bzw. eine Bewilligung erforderlich ist.
PEM muss bei jeder Therapie mitgedacht werden
Auch eine grundsätzlich sinnvolle therapeutische Maßnahme kann zu viel sein, wenn Umfang oder Intensität die aktuelle Belastungsgrenze überschreiten. Das betrifft nicht nur körperliche Aktivität: Anfahrt, Gespräch, Untersuchungen, Übungen und Reize können sich zu einer erheblichen Gesamtbelastung summieren.
Physiotherapie, Ergotherapie oder andere unterstützende Maßnahmen können sinnvoll sein, müssen bei ME/CFS aber an PEM, Schweregrad und die aktuelle Belastbarkeit angepasst werden.
Vorsicht bei Heilversprechen
Wo eine Erkrankung bislang nicht heilbar behandelt werden kann, entstehen leider auch Angebote mit großen Versprechen. Aussagen wie „garantierte Heilung“, ein für alle gleicher Therapieplan oder die Aufforderung, deutliche Verschlechterungen einfach zu „durchtrainieren“, sollten besonders kritisch geprüft werden.
Für aktivierende Bewegungs- oder Trainingstherapien als Behandlung von ME/CFS besteht derzeit kein gesicherter Wirkungsnachweis. Belastungssteigerungen, die unabhängig von den Symptomen und der individuellen Belastungsgrenze vorgegeben werden, passen nicht zu einem PEM-orientierten Management.
Psychologische Unterstützung – ohne die Erkrankung zu psychologisieren
Eine chronische und teilweise schwer einschränkende Erkrankung kann psychisch enorm belasten. Psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung kann beim Umgang mit Krankheit, Verlusten, Isolation oder zusätzlichen seelischen Belastungen hilfreich sein. Sie behandelt damit reale Folgen und Belastungen – ME/CFS selbst wird dadurch nicht zu einer psychischen Erkrankung.
Für Angehörige: Entlastung ist Teil der Behandlung
Angehörige können viel bewirken, ohne selbst therapeutisch handeln zu müssen. Wege abnehmen, Reize reduzieren, Termine vorbereiten, Medikamente dokumentieren oder akzeptieren, dass eine geplante Aktivität kurzfristig nicht möglich ist, kann die Gesamtbelastung deutlich verringern.
Gerade hier gilt unser Grundsatz aus dem PEM-Bereich: Kleine Veränderungen können große Wirkung haben.
Offizielle Informationen
Die österreichischen Informationen zu Behandlung und Symptommanagement werden laufend weiterentwickelt. Für aktuelle medizinische Orientierung verweisen wir insbesondere auf das öffentliche Gesundheitsportal und die Informationen des Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome.
Österreichisches Gesundheitsportal – ME/CFS →
Hinweis: Die medizinischen Informationen auf IG SAFE dienen der Orientierung und ersetzen keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.